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Wenn Schön und Gut sich streiten

Liebe Gemeinde

Wann haben Sie zum letzten Mal etwas Unvernünftiges getan? Etwas von dem man vielleicht erstaunt gesagt hat: In Deinem Alter? Oder man die Stirne gerunzelt und gemauschelt hat: Das gehört sich doch nicht. Oder man hat Sie ermahnt: Da hättest Du aber Deine Zeit für etwas Besseres gebrauchen können.
Wann sind Sie zum letzten Mal Ihrem Herzen gefolgt und nicht der Vernunft? Und wie haben Sie sich danach gefühlt? Hatten Sie Gewissensbisse? Oder haben Sie es genossen, einmal aus der Reihe zu tanzen und die anderen einfach reden zu lassen?

Im Leben gibt es zwei Prinzipien, die sich immer wieder miteinander streiten.
Da ist einerseits das Prinzip der Vernunft und der Nützlichkeit. Es fragt uns: Was ist gut? Was ist nützlich? Was bringt Dich weiter? Wie kannst du die Probleme in Deinem Leben, die Probleme der Gesellschaft und der Welt lösen? Dieses Prinzip hält dich an, daran zu arbeiten, vorwärts zu kommen, Lösungen zu generieren, Erfolg für dich und die anderen zu erzielen
.
Auf der anderen Seite ist das Prinzip der Ekstase und Leidenschaft. Es gibt sich dem Moment hin. Es fragt nicht: Was ist gut? sondern tut und geniesst das Schöne des Augenblicks. Es lässt Dich die Sorgen und Probleme ausblenden und vergessen und Dich absichtslos einer Leidenschaft hingeben.

Beide Prinzipien stehen nebeneinander. Beide erheben zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihre Stimme. Beide gehören zum Leben.

Unser heutiger Predigttext ist ein Text, in dem diese Prinzipien aufeinander stossen. Die Passionsgeschichte, die Geschichte, die den Leidensweg Jesu beschreibt, beginnt im Markusevangelium bezeichnenderweise mit dieser Geschichte.

Markus 14,3-9

Als er in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen war und bei Tisch sass, kam eine Frau mit einem Alabastergefäss voll echten, kostbaren Nardenöls; sie zerbrach das Gefäss und goss es ihm über das Haupt. Da wurden einige unwillig und sagten zueinander: Wozu geschah diese Verschwendung des Öls? Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Denar verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine schöne Tat an mir vollbracht. Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan. Sie hat meinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium verkündigt wird, da wird auch erzählt werden, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.



Es war in der Antike nichts Ungewöhnliches, dass bei ganz feierlichen Anlässen Menschen mit Öl gesalbt wurden. Mit dieser Geste wurde ihnen ihre Bedeutung kundgetan. Es war eine Möglichkeit einem Menschen seine Zuneigung zu zeigen. Dabei wurde an die Salbung von Königen gedacht und an die Salbung von Leichnamen. Dass dies bei so ganz gewöhnlichen Nachtessen geschah wie es der Bibeltext erzählt, war aber eher ungewöhnlich.

Da kommt also eine Frau in die gemütliche Runde. Markus verrät uns ihren Namen nicht. Wir wissen auch nicht, was sie mit Jesus erlebt hat. Es muss jedoch etwas gewesen sein, was in ihr einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Ein Erlebnis verbindet sie ganz tief mit Jesus. Denn sie würde sonst nicht das Alabasterfläschchen hervornehmen und Jesus „das Haupt mit Öl salben“. (Psalm 23). Alle verstehen, was sie tut: Sie zeigt Jesus: Du bist mir wichtig, du bist mir lieb. Dich werde ich nie vergessen. Du hast etwas Königliches für mich.
Ob die Frau wohl reich gewesen ist, dass sie derart teures Öl hat kaufen können? Oder vielleicht war es einfach Leichtsinn, einen ganzen Monatslohn für diesen einen Augenblick auszugeben.

Das finden jedenfalls die vernünftigen Jünger: Es ist Lichtsinn, Unvernunft, was die Frau da tut. Man kann diese braven, engagierten Jünger nicht tadeln, für das, was sie sagen. Sie sehen die Not der Welt und dass sie nach Lösungen schreit. Sie sehen all die Armen, die man mit dem Geld hätte versorgen können. Eigentlich haben sie recht.

Und doch nimmt Jesus die Frau in Schutz.

Er nimmt Stellung zu dem Streit zwischen dem Prinzip der Leidenschaft und dem Prinzip der Vernunft.
„Sie hat eine schöne Tat an mir vollbracht. Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt.“
Jesus sagt ganz pragmatisch: es wird nie ein Leben ohne Arme geben. Er könnte auch sagen: Es wird nie ein Leben, eine Welt gar, ohne Probleme geben. Ihr habt viel Zeit und Vernunft, um euch der Lösung dieser Probleme hinzugeben. Aber es gibt Augenblicke, da muss man sich der Leidenschaft, dem Augenblick, der Liebe hingeben. So wie das diese Frau jetzt gerade tut. Es gibt Momente, da muss man absichtslos, zweckfrei, ja sogar unvernünftig sein und sich dem Schönen hingeben.
Gutes kann man dann immer wieder tun.


Liebe Taufeltern,

mit der Aufgabe der Erziehung und Begleitung ihrer Kinder haben Sie eine grosse Aufgabe übernommen. Vorbilder sein, begleiten, unterstützen, ermahnen, trösten. All das haben sie sich vorgenommen. All das ist wichtig für ihre Kinder und wird ihnen ein Fundament in ihrem Leben legen.
Wenn sie diese Geschichte mit in die grosse Aufgabe nehmen, dann sagt sie ihnen vielleicht: Es gibt neben der vernünftigen Aufgabe des Erziehens auch noch etwas Anderes, was eminent wichtig ist für die Kinder: Vergessen sie nicht, es auch mal Fünfe grad sein zu lassen. Machen sie mit ihren Kindern auch mal etwas Unvernünftiges. Ja, ab und zu verläuft es umgekehrt in der Erziehung und die Kinder weisen sie als Eltern auf etwas hin: denn Kinder haben noch die grosse Fähigkeit, sich vom Augenblick bestimmen zu lassen. Vergessen sie ab und zu die Elternpflichten und lassen sie sich von ihren Kindern in einen solch schönen Augenblick entführen.

Liebe Gemeinde,

wir sind in der Passionszeit. Die Zeit, die uns an den Leidensweg Jesu erinnert. Die Zeit, die uns auch daran erinnert, dass auch wir als Christinnen und Christen uns verpflichten, uns Menschen im Leiden und in der Not anzunehmen.
Am Anfang dieser Zeit steht im Markusevangelium die Geschichte dieser Frau. Sie sagt uns: eine Religion, die nur der Vernunft, der Pflicht und dem Auftrag folgt, ist eine tote, eine lebendfeindliche Religion. Es braucht neben dem Auftrag, der Pflicht, der Vernunft und der Ethik immer wieder Momente der Leidenschaft. Momente des Feierns, ja des Verschwendens sogar. Auch Christinnen und Christen sollen ab und zu unvernünftig sein. Wir sollen unsere Kräfte, unsere Zeit nicht nur für das Vernünftige, Nützliche gebrauchen. Sondern uns ab und zu auch einer plötzlichen Eingebung folgen. Möge sie auch verschwenderisch, unvernünftig sein.
Der Heilige Geist führt uns nicht nur zur Vernunft und Raison sondern auch zur Leidenschaft, zur Hingabe an den Augenblick, zur Ekstase.

Jesus fühlt sich durch diese zärtliche, hingebungsvolle Geste der Frau in Bethaninen gestärkt für seinen leidvollen Weg.
Genau so werden uns die leidenschaftlichen, zeweckfreien, schönen Momente, zu denen uns die Eingebung des Geistes immer wieder führt, Kraft geben um Gutes zu tun und den Sorgen der Welt ins Auge zu sehen.
Amen.



Pfrn. Rita Famos

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Passionspredigt zu Mk 14,3-6 (78KB)

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