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Weihnachtspredigt

Weihnachtspredigt 2008 :
Josef, der irdische Vater für das göttliche Kind




Liebe Weihnachtsgemeinde,

ich sehe ihn noch heute vor mir: den strahlenden Kollegen.
Ich sang mit ihm zusammen im Chor der Theologinnen und Theologen.
Es war Advent. Wir übten den ersten Teil des Messias von Händel.
In der Hauptprobe musste er fehlen und auch zum Einsingen vor der Aufführung erschien er nicht.
Wir wussten alle weshalb: Seine Frau war hoch schwanger mit dem ersten Kind.
Während der Eingangssinfonie tauchte er plötzlich auf. Er stellte sich hurtig in den Chor.
Beim Erklingen des Chor 12 schauten wir alle auf ihn. Er sang aus voller Kehle: Denn es ist uns ein Kind geboren, uns zum Heil ein Sohn gegeben. Oder wie wir es soeben englisch gehört haben: „For unto us a child is born, unto us a Son is given.“ Solch ein Strahlen, solch ein Leuchten habe ich noch selten auf einem Gesicht gesehen. Uns war allen klar: Es ist alle gut gegangen. Das Kind ist da.
Und ich dachte mir: Das Kind wird es gut haben bei diesem Vater. Zugleich wünschte ich mir, dass alle Kinder derart strahlende Väter haben möchten.

Kinder brauchen Mütter und Väter. Nicht nur bei der Geburt. Auf ihrem Weg ins Leben brauchen sie sie.
Auch das göttliche Kind brauchte irdische Eltern. Vater und Mutter, die das Kind ins Leben begleiteten.
Viel wird gepredigt über Maria, die Mutter des göttlichen Kindes.
Aber wie sieht es denn eigentlich mit dem Vater aus? In den Krippendarstellungen findet man ihn meistens im Hintergrund. Vielleicht etwa auf der Höhe von Ochs und Esel. Im Vordergrund stehen die Mutter und das Kind.
Im Lukasevangelium steht die Mutter des Gotteskindes im Vordergrund. Der Engel erscheint ihr. Von Maria wird erwähnt, dass sie die Worte der Hirten in ihrem Herzen bewegt hätte.
Ganz anders bei Matthäus. Bei ihm steht der Vater genau so prominent da wie die Mutter. Wir haben es gehört in der Lesung. Der Engel erschien dem Vater. Er gibt ihm den Auftrag der Vaterschaft für das göttliche Kind.




Und da stellt sich natürlich sofort die Frage: Wie sieht er denn aus, der Vater, den Gott für seinen Sohn auserwählt. „Der Vater“ schlechthin, welche Eigenschaften hat er denn?
Er ist ein „gerechter“ Mann, so sagt der Evangelist. Das heisst, er versucht sein Leben nach Gott auszurichten und nach den Normen der Schrift zu leben.
Er ist ein Mann, der auf seine Gefühle, auf seine innere Stimme hört. Er ist nah an seinen Emotionen und sensibel für Gottes Stimme. Denn gleich drei Mal erzählt uns der Evangelist Matthäus davon, dass Josef auf seine Träume gehört hat.
Bei der Frage ob er ein uneheliches Kind annehmen soll und sich der Schmach exponieren soll, spricht der Engel zu ihm. Josef hört ihn und nimmt den Auftrag an.
Aber auch bei der Frage nach der Rückkehr nach Nazaret, versteht er die göttliche Stimme, die ihm die Gefahr bewusst macht und zur Umkehr rät .
Und zu guter letzt ist es der Traum, der ihn dann wieder von Ägypten zurück nach Nazaret weist.
Josef liebt seine Verlobte Maria. Als die Familienplaung durcheinander kommt, steht er zu der frühen, etwas unsicheren Schwangerschaft seiner Frau. Mehr noch, er sieht darin einen speziellen, einen göttlichen Auftrag.
Später im Evangelium (13,55) entdecken wir, dass er den Beruf eines „tekton“ hatte. Das wird – auch in der neusten Bibelübersetzung – mit „Zimmermann“ übersetzt. Im griechischen Umfeld des neuen Testamentes wurde der Begriff jedoch eher für Techniker, Bautechniker gebraucht. Ja, vielleicht war Josef nicht einfach der Zimmermann im verschlafenen Nazaret sondern ein Ingenieur im nahen Cäsarea Philippi, wo die Römer gerade eine Garnisonenstadt bauten. „Tekton“, die griechische Berufsbezeichnung des Josef lässt zumindest diese Möglichkeit offen. Josef wäre dann ein weltoffener, junger Mann, der auf den römischen Baustellen mit Menschen aus dem ganzen Imperium zusammen arbeitet.
Vielleicht brauchte Gott gerade einen solchen Mann. Denn hätte ein anderer so kurzentschlossen seine junge Familie in der Krisenzeit nach Ägypten führen können. Josef, der irdische Vater des Gotteskindes war weltgewandt und flexibel. In der Krise hält er nicht fest an seinen Plänen sondern wandert aus ins benachbarte Ägypten bis die Zeiten in Israel wieder sicher werden.

So sieht er also aus, der irdische Vater im Hintergrund des göttlichen Kindes:
Ein engagierter Berufsmann: Bautechniker, Ingenieur vielleicht. Gottesfürchtig, er lebt nach den Gesetzen der Tora.
Verwurzelt in der Tradition und doch flexibel. Ein Mann mit technischem Beruf und doch mit Zugang zu inneren Bildern und Träumen. Ein weltgewandter Mann, versiert im Krisenmanagement.

Ob er auch so gestrahlt hat bei der Geburt seines ersten Sohnes wie mein Kollege damals? Ich bin fast sicher.

Damals als junge Frau nahm ich zum ersten Mal einen werdenden, strahlenden Vater bewusst wahr. Ich wünschte mir, alle Kinder mögen solch strahlenden Väter haben. Heute, beim genaueren Betrachten der Josefsfigur wünsche ich unserer Welt viele solche Josefe. Das können Männer sein, aber auch Frauen.
Es sind Menschen, die mit beiden Beinen im weltlichen Leben stehen und doch die Stimme Gottes hören.
Es sind Menschen, die den Auftrag hören, dass Gott in ihrer Welt Mensch werden will.
Menschen, die verwurzelt in der Tradition sind und doch flexibel sind, offen für das Neue und Überraschende.
Menschen, die in Krisen den Engel hören.
Durch solche Menschen will Gott auch heute in der Welt ankommen.
Amen

Pfarrerin Rita Famos

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Josef, ein irdischer Vater für das göttliche Kind (52KB)

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